Wenn Frau redet, redet sie nicht

von Mirjam Janett, 9. Dezember 2017
Dieser Artikel ist im Blog "History Reloaded" des Tages-Anzeigers erschienen

«Das Wort gehört den Männern!» So spricht Telemachos, der Sohn des homerischen Helden Odysseus`, zu seiner Mutter Penelope. Er befiehlt ihr, in ihre Gemächer zurückzukehren, um dort ihre «Geschäfte» zu besorgen und sich mit Spindel und Webstuhl zu beschäftigen.

Mit diesem Beispiel einer zum Schweigen gebrachten Frau eröffnet Mary Beard ihren Essay «Women and Power. A Manifesto ». Die renommierte Professorin für antike Geschichte in Cambridge zeigt in ihrem 115 seitigen feministischen, aber nüchternen Manifest, dass Frauen seit der Antike ihrer Stimme beraubt und somit von der Macht ausgeschlossen worden sind. Sie bedient sich sowohl literarischer als auch historischer Frauenfiguren, um aufzuzeigen, wieso Frauen heute nicht nur weniger gehört, sondern ebenso häufiger angefeindet, nicht ernst genommen, verspottet oder verhöhnt werden, sobald sie versuchen, sich das «Wort» zu nehmen. Aus ihr spricht nicht zuletzt ihre eigene Erfahrung als Wissenschaftlerin, Lehrende und in der Öffentlichkeit stehende Person.

Frauen, so Beard, seien seit dem klassischen Altertum systematisch von einer solchen Rede ausgeschlossen und am Sprechen gehindert worden. Zwar gebe es Gegenbeispiele, etwa Königin Elisabeth I. oder die «eiserne Lady» Margaret Thatcher in Grossbritannien. Diese Frauen hätten jedoch einen hohen Preis dafür bezahlen müssen: die Verwandlung in androgyne Mischwesen. Und grundsätzlich würden Frauen, die sich einen Platz in der Öffentlichkeit erstritten hätten, deswegen noch lange nicht gehört. Der öffentliche Diskurs gebe vor, wann und vor allem wie eine Frau sich äussern dürfe. Wenn eine Frau und ein Mann dasselbe sagten, sei es nicht dasselbe.

Prominentes Beispiel ist Hillary Clinton. Sie scheiterte bei der letztjährigen US-Präsidentschaftswahl unter anderem wegen einer angeblichen Gefühlskälte, wegen ihres politischen Kalküls und ihrer Reserviertheit. Bei männlichen Politikern werden diese Eigenschaften nicht als negativ bewertet, im Gegenteil. Das amerikanische Wahlvolk hob statt Clinton einen weissen Mann ins Präsidentschaftsamt, der über Frauen verlauten liess: «I ́ll grap them by the pussy».

Mary Beards Ausführungen könnte man entgegenhalten, sie seien anachronistisch, weil die ins Feld geführten Beispiele oft aus ihrer Zeit und ihrem Zusammenhang gelöst sind. Doch gerade mit den historischen Beispielen zeigt die Professorin, dass die öffentliche Rede nie ein machtfreier Ort und zudem immer geschlechtlich codiert war – und immer noch ist.

Der Prototyp des Mächtigen, Intellektuellen, Genies oder Künstlers ist in unserer Vorstellung ein Mann. Frauen können höchstens Dilettantinnen sein. Die Autorität, für andere zu sprechen; der Wille des Gegenübers, jemandem zuzuhören, hängt vom Geschlecht ab. Äussern sich Frauen pointiert oder nehmen sie an Debatten teil, versucht man sie mittels verschiedener Strategien zum Schweigen zu bringen. Gängig ist ihre Disqualifizierung oder die Aberkennung ihrer Autorität. Dann doch lieber ein Mann, der Frau sagt, wie es geht: «Mansplaining» nennt man das inzwischen auch bei uns.

Sprechen Frauen, kommt es darauf an, wie sie das tun. Fordernd, schonungslos oder gar polemisch darf ihre Rede nicht sein, sonst folgt das öffentliche Guillotinieren. Als die Schweizer Juristin Iris von Roten mit ihrem polarisierenden Werk «Frauen im Laufgitter» in den miefigen 1950er Jahren die Gleichberechtigung der Geschlechter forderte, waren «streitsüchtige Hysterikerin» und «giftspeiende Fürsprecherin» noch die freundlicheren Bezeichnungen, die sie erhielt – nicht nur von Männern.

Tatsächlich unter die Guillotine kam die Revolutionärin, Frauenrechtlerin avant la lettre und Andersdenkende Olympe de Gouges. 1791 zieht sie in ihrem Manifest «Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin» die logische Konsequenz, wenn die Frau das Recht habe, das Schafott zu besteigen, müsse sie auch das Recht haben, ans Rednerpult zu treten. Das Recht auf das Schafott wurde ihr gewährt, das Rednerpult blieb ihr verwehrt.

Heute sind im Netz besonders Frauen Opfer von Belästigungen, Schimpftiraden, sexuellen Anspielungen und Drohungen. Die englische Zeitung «The Guardian» wertete für die letzten zehn Jahre die Kommentare zu Online-Artikeln aus. Das Resultat: Die Beiträge stammten mehrheitlich von weissen Männer – dennoch waren von den zehn am meisten beschimpften Journalisten acht Frauen. Plus zwei dunkelhäutige Männer.
Äussern sich Frauen in der Öffentlichkeit pointiert, werden sie also schnell zum Gegenstand medialer Hetzkampagnen. Jüngstes Schweizer Beispiel: die Berichterstattung über die Basler Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach. In Österreich attackierte die Boulevardpresse die Grünen-Politikerin Sigrid Maurer. Diese hatte sich nach einer Fernsehdiskussion über Sexismus gegen Hassnachrichten zur Wehr gesetzt, indem sie ein Foto von sich mit nach oben gestrecktem Mittelfinger mit dem Tweet «To the haters with love» postete.

Wer spricht, übt immer auch Macht aus – nicht eine personifizierte Macht, sondern eine kapillare: Sie wirkt durch das Wort auf Gesellschaft, Politik und Medien ein. Was ist zu tun, damit Telemachos’ Geschichte endlich ein Ende findet? Dass Frauen sich in die vorhandenen Machtstrukturen einfügen und sich der Rede bemächtigen wollen, funktioniert offenbar nicht, weil diese männlich besetzt ist. Letztlich werden bestehende Machtverhältnisse reproduziert, und alles bleibt beim Alten. Auch Mary Beard hat in ihrem anregenden Essay keine Antwort parat. Vielleicht muss die Rede ganz einfach neu erfunden werden? Als Gegenrede, die die Codes missachtet.

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